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Über Milchmädchen, deren Rechnungen und visuellen Betrug

03.06.2009 23:17

Rüsselsheimer Mülleimer, Innenstadt, Samstag Morgen
Rüsselsheimer Mülleimer

Mit einer Anfrage hat die SPD die Schulverpflegung thematisiert und möchte ein EU-Programm unterstützt wissen, das aktiv gegen Fettleibigkeit vorgeht. Obst und Milch solls geben. Ausgerechnet Herbert Schmidt, der bereits bewiesen hat, dass er sich mit Bananen gut auskennt, macht jetzt einen auf Milchmädchen. Und das nicht nur bei den Schul­kindern, sondern zusammen mit Nils Kraft auch gleich noch in der Baumschule. So rechnet er vor, dass, wenn man am Gemeindeplatz von 14 Bäumen 9 fällt und noch 23 Bäume dazupflanzt, man am Ende 28 Bäume hätte und somit doppelt so viele wie vorher. Wären diese beiden Rechengenies bereits bis zur Bruchrechnung vorgedrungen – momentan hält man sich nur bei ganzen Zahlen auf, hätten sie allerdings bemerkt, dass wenn man keine Bäume fällt und 23 dazu pflanzt man am Ende 37 Bäume hat und somit 2,64 mal soviele Bäume wie vorher. Und das ist sogar mehr als das Doppelte. Bei diesen Milchmädchenrechnungen wundert es einen nicht, dass innerhalb der SPD auch keiner merkt, dass man für solche Kaspereien keine Parlamentsmehrheit (das wäre übrigens auch mehr als die Hälfte) zusammenbekommt. So etwas muss dann erst die Renate im Parlament beim Auszählen laut vorrechnen, damit es auch bei Kraft und Schmidt ankommt. Dabei ist die Gleichung ganz einfach: Mehr Bäume = Mehr Heit. Naja, die ständige Präsenz von Renate Meixner-Römer lässt ja hoffen, dass bei der SPD demnächst wenigstens mal der OB ausgetauscht wird, und dann stoßen vielleicht auch die einfachen Partei­sol­daten irgendwann wieder in die höhere Mathematik vor. Zurück zum Gemeindeplatz. Im letzten Heft hatte ich ja etwas zum Verhältnis von Verwaltung und Bürgern gesagt, und kaum ausgesprochen, zeigt die Verwaltung an einem Infostand nicht nur lustige bunte Pläne wie der »Place de la Klinger« dann mal aussehen soll, nein, man hat auch gleich ein Bild parat um zu zeigen wie schlimm der Platz jetzt aussieht. Aufgenommen im Winter. Man sieht also einen trostlosen Platz mit ein paar blattlosen Baumgerip­pen. Ich nenne das visuellen Betrug. Mal abgesehen davon, dass ich glaube, dass die Rüsselsheimer Bürger ihren Gemeindeplatz kennen, drückt dieser Betrugsversuch zwei Dinge aus:
1. Die Bevölkerung wird für dumm verkauft.
2. Bei Diskussion um solche Projekte geht es der Verwal­tung nicht darum für Rüsselsheim vernünftige Lö­sungen zu finden, sondern es geht um Rechthaberei aus Prinzip.

Das aber kann sich Rüsselsheim weder leisten, noch bringt es diese Stadt auch nur einen Millimeter voran. Im Gegen­teil. Es ist ein weiterer Ausdruck dieser ganz lokalen Klimakatastrophe, bei welcher der Meeresspiegel bereits allen Protagonisten bis zur Oberkante Unterlippe steht. Hier geht es eben nie um eine sinnvolle gemeinsame Verbes­serung, sondern um die Behauptung eigener Positionen gegen jede Vernunft, nur um sich keine Blöße zu geben. Daraus resultiert auch die permanente Nichtkommuni­kation oder eben der visuelle Betrug. Und dabei wäre so vieles gemeinsam leicht zu verbessern:
So quellen am Samstag – dem Haupteinkaufstag – die Mülleimer in der City über, weil es keiner hinbekommt, den Betriebshöfen mitzuteilen, dass es besser wäre, diese Freitags Abends zu leeren statt sonstwann – eine Kleinig­keit mit großer Wirkung und eigentlich der Job vom Treffpunkt Innenstadt, wenn der auch nur annährend seiner Aufgabe gewachsen wäre. Solange aber eben diese Kleinigkeiten nicht in den Griff gebracht werden, ist alles Geld zum Fenster rausgeworfen. Doch das ist ja anscheinend weiter OB-Maxime. 700.000 Euro Marketingetat sind eben verschwendet, wenn nicht gar kontraproduktiv, solange hier kein Zahnrad in das andere greift. So eröffnet der
x-te Frisör direkt neben der Wirtschaftsförderung und beklebt erstmal die Fensterscheiben werbesatzungswidrig, ohne dass die Verantwortlichen, die da täglich daran vorbeigehen, in der Lage wären, dies zu verbessern. Das Thema hatten wir im letzten Heft zur Genüge. Unnötig zu erwähnen, dass seitens des Dezernates Klinger natürlich innerhalb der letzten vier Wochen nichts passiert ist. Im Gegenteil. Der frisch renovierte Dönerladen in der Schau­burg hat erst vor wenigen Tagen seine Schaufenster zugeklebt. Keiner im Ex-Layer-Dezernat, der in der Lage wäre, das selbstauferlegte Erscheinungsbild, das der Verbes­serung der City dienen soll, umzusetzen. Wenn man natürlich damit beschäftigt ist, Bilder von laublosen Gemeinde­plätzen rauszusuchen, hat man für so was keine Zeit.


    Szenen einer Stadt im Umbruch, die nicht ansatzweise in der Lage ist, damit geschickt umzugehen. Neuestes Beispiel ist das Scheitern des Gründerzentrums. Dass das in einer Gründerstadt wie Rüsselsheim, die quasi als Paradebeispiel einer funktionierenden Existenzgründung allen anderen Gemeinden vorangehen könnte, nicht funktioniert, ist beschämend. Und dass die vorzeitige Beendi­gung der Blamage fast 1 Millionen Euro kosten sollte, ist ein Aberwitz.


    Schön wars übrigens am 1. Mai, als Norbert Blüm allen Linken den Schneid abgekauft hat und vorm Opel Haupt­portal eine wesentlich fundamentalere Kapitalismuskritik vortrug als all die selbsternannten Sozialengagierten es vermochten. Wenn man sich diese Szenerie angesehen hat muss man sich fragen, was dieses linke Spektrum überhaupt noch gesellschaftlich bewegen soll. Wenn ich auf all das zurückblicke, was aus sozialen Bewegungen heraus entstanden ist, dann ist es fraglich, ob die Überreste dieser Bewegung heute überhaupt noch zu solchem in der Lage wären. Genossenschaften, Volksbanken, Kreissparkassen, Krankenversicherungen, Arbeitslosenversicherungen, Rentensysteme – alles nach solidarischen Prinzipien aufgebaute Sicherungssysteme die erkämpft wurden in einer Zeit als man für seine linke Gesinnung auch mal Ruck-Zuck im Knast landen konnte, wenn nicht schlimmeres. Und heute, wo all diese Systeme neu überdacht, neu erkämpft und neu organisiert werden müssen steht da ein Haufen meist kleinwüchsiger Lehrer mit Bauchansatz, die sich in diesem System längst gewinnbringend eingenistet haben und erzählen anderen etwas von Solidarität. Da begrüßen Staatsminister die vor der Entlassung Stehenden mit »Kollegen« und die klatschen auch noch Beifall. Unter der Hand sind alle heilfroh, dass die Saab-Jungs schon mal über die Wupper sind und man die nicht auch noch am Backen hat. Und Klaus Franz ist eigentlich nur noch Sprach­rohr dessen, was die eigentlichen Geschäftsführer nicht direkt sagen können oder wollen. Dementsprechend revolutionär wirkte Nobbi Blüm, der eine grundlegende Kritik am Wirtschaftssystem viel prägnater formulierte als all die freigestellten, verbeamteten und sonstwie systemimanenten Papiertiger.


    Die würden doch heute nicht mal mehr einen Streik organisiert bekommen, in dem sie sich beispielsweise mal für eine Verbesserung der Sitiuation der Auszubildenden einsetzen, geschweige denn, dass sie wie Blüm das Thema überhaupt mal ansprechen. Solidarität ist nur noch eine hohle Phrase deren wirkliche Organisation heute mit diesen Köpfen nicht mehr möglich ist. Das ist das Ergebnis eine Linken, die jede Eigeninnitiative als kapitalismusverdächtig brandmarkt und ihr einziges Heil in staatlich-bürokratischen Strukturen sucht, nicht zuletzt deshalb, weil man selbst längst Teil selbiger ist und davon sein Einkommen bestreitet. Rüsselsheim ist in vielem dafür ein Parade­beispiel. Ein Gründerzentrum, dessen vorzeitige Auflösung mit 600.000 Euro Steuergeldern erkauft werden muss, steht exemplarisch für das Scheitern jener Personen, die glauben Innovation bürokratisch herleiten zu können. Die haben die Idee des Kuhstalls nie begriffen, weil sie ohne garantierten Jahresurlaub nie in diesem Kuhstall angefangen hätten.
Ihr Steffen Jobst


Zitat des Monats:
»Nee, 16 Uhr ist schlecht, da sind wir alle schon zu.«

Fleh Hannes vom Gemeindeplatz auf die Frage ob 16 Uhr ok wäre für das Interview.

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